Petra von Olschowski aus "Blick in ein Weltenkaleidoskop", 2009
Textauszug aus dem Katalog "Der schmale Grat der Wirklichkeit"

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Den Hintergrund, vor dem Agnes Märkels künstlerisches Schaffen zu verorten ist, kann ein Zitat des englischen Kunstkritikers und Autors John Berger beschreiben. Es stammt aus dem Aufsatz "Über Sichtbarkeit":
"Alle Erscheinungen verändern einander unausgesetzt: visuell hängt eins mit dem anderen zusammen. Anschauen heißt, das Sehvermögen der Erfahrung dieser gegenseitigen Abhängigkeit zu unterwerfen." Und: "Das Sichtbare ist ein
Bestandteil dieses Lebens; es kann ohne Leben nicht bestehen. In einem toten Universum ist nichts sichtbar."

Das heißt, alles, was wir wahrnehmen, steht in unserem Inneren in Beziehung zueinander. Wir sehen etwas und setzen es automatisch in Verbindung zu etwas anderem, das wir bereits gesehen haben, das wir kennen, an das wir uns erinnern. Raum und Zeit werden übersprungen, aufgelöst, spielen zunächst keine Rolle mehr, außer wir verfolgen zunächst jene Schnittstellen, die wir unbewusst herstellen. Eine Konsequenz daraus ist, dass alles, was wir sehen, auf einen bereits wahrgenommenen Schatz an Bildern trifft. Jeder gegenwärtige Eindruck vermischt sich mit einem vergangenen Eindruck. Es gibt kein neutrales Sehen. Jeder Blick ist subjektiv geprägt, vernetzt, verwurzelt, individuell, eigen, dauernd Korrespondenzen und Veränderungen durch neue Erfahrungen unterworfen. Kein Mensch sieht auf die gleiche Art wie ein anderer.

(...) 

Oft - und das ist frappierend - lässt sich der Übergang von Fotografie und Malerei auf den Bildern von Agnes Märkel kaum mehr feststellen. Man muss schon sehr nah an die Arbeiten herangehen, um zu sehen, wo das eine aufhört und das andere anfängt. Immer wieder wird der Betrachter herausgefordert, seine Wahrnehmung zu überprüfen. dann entdeckt er im Detail eine eigene kleine Welt, die aus der Distanz im Gesamtklang aufgeht.

Das Anschauen des Bildes selbst wird zum Prozess, in dem es keinen Stillstand, keine Eindeutigkeit gibt. Das Auge folgt dem Rhythmus, wandert über die Bildoberfläche - zur räumlichen Dimension der Erkundung kommt eine zeitliche. Dass Agnes Märkel oft von Filmen zu ihren Bildern angeregt wird, wird in dieser Beweglichkeit, die sie vom Auge fordert, deutlich. So gesehen erübrigt sich auch die Frage, ob die Malerei oder Zeichnung in unserer Medienwelt noch zeitgemäß ist. Ohne unsere Kenntnisse im Umgang mit dem bewegten Bild wäre es kaum möglich, die collagierte Bildwelt von Agnes Märkel zu entschlüsseln.


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